Mit einem - nein, nicht Klingelingeling - sondern mit einem Piiep-Piiep-Piiep werde ich aus dem Schlaf geholt. Meine Nachtwache beginnt, eine von zweien jeden Tag, von 2100 bis 0000 und von 0300 bis 0600 bin ich dran.
Wiederwillig wird der Schlafsack zur Seite geschoben. Noch nicht ganz wach ist bereits volle Konzentration gefordert. Jetzt ein Fehler im Ablauf wuerde viel Zeit kosten. Also zunächst Socken an (karibische Temperaturen gibt es nicht mehr), dann Halt suchend zum Klo. Dort erst die Seeventile für Zu- und Abwasser oeffnen, die Tuer schliessen und dann der fuer diesen Raum typischen Beschaeftigung nachgehen. Eine andere Reihenfolge wuerde schier unmenschliche Verrenkungen bedeuten. Erst jetzt geht es mit dem Anziehen weiter. Wichtig hierbei die Frage nach der Temperatur an die abzuloesende Wache. Eine falsche Wahl wuerde erneutes Auspellen, Bekleidungswechsel oder -aufstockung und wieder Anpellen bedeuten. Jeweils natuerlich inklusive Schuhen und Rettungsweste. Wegen des immer wieder mal ueberkommenden Wassers sind Oelzeug und Stiefel angesagt. Ob zwischen Oelzeug und erster Schicht noch eine zweite getragen wird- und wenn ja welche - variiert mit der Temperatur.
Soweit geruestet beginnt meine Nachtwache. Als erstes schnell die aktuellen Daten von Hermann abfragen: Position, Kurs (koennen wir endlich weiter oeswtlich fahren?), Windstarke und Bootsspeed (obwohl man das beides eigentlich schon recht genau spuert), wieweit ist ein- oder ausgerefft, Verstellungen am Windpilot und wie kommt der aktuell zurecht, Luftdruck und Wassertemperatur. Alles Wichtige, was ich hier nicht erwaehnt habe wird natuerlich auch abgefragt :-)
Jetzt also die drei Stunden rumkriegen. Dank Windpilot muss ich ja nicht steuern. Das braechte zwar Abwechslung, bedeutet aber sich dem ueberkommenden Wasser auszusetzen. Da bleibe ich zunaechst lieber geschuetzt hinter der Sprayhood sitzen oder gleich unter Deck. Raus mich ich aber irgendwann doch. Vom AIS bekomme ich unter Deck zwar Schiffe in der Naehe angezeigt, aber nur die, die auch ein AIS besitzen und an haben. Das ist bei Sportbooten nicht unbedingt der Fall,also heisst es sich draussen selbst umzusehen. Ausserdem kann ich dann kontrollieren, ob ggf. dicke Wolken mit Wind und Boen warten und ein (weiteres) Einrollen der Genua verlangen. Oder der Wind hat sich generell veraendert und fordert eine Anpassung der Segelfläche. Da auch wir bisher nur mit der Genua unterwegs sind, geht das alleine prima - und wenn man alles richtig macht auch sehr schnell. Ausreffen sowieso, einreffen erfordert halt einfach mehr Arbeit und Kraft. Und wieder gilt: Schoen die Reihenfolge einhalten! Beim Einrefen also: 1.) Einrollleine bereitlegen, 2.) Lose aus Luvschot holen und am besten zwei Toerns um die Winsch, 3.)Leeschot fieren und ganz von der Winsch nehmen, 4.) Holepunkt versetzen 5.) Einrollleine um Winsch legen und damit Genua um gewuenschte Umdrehungen einrollen (ohne Winsch geht hier gar nichts!), 6.) wieder Leeschot auf die Winsch und dichtholen (erst per Hand und Koerpereinsatz, dann heisst es kurbeln). Vergisst man Punkt 2 kannn es ein boeses Kuddelmuuddel beider Schoten geben. Besonders nett ist es aber, wenn Punkt 4 vergessen wird. Dann folgt die quaelende Entscheidung. Entweder mit schlecht stehender Genua weiterfahren oder zum Versetzen des Holepunktes noch mal fast komplett auffieren und danach erneut kraftraubendes Dichtholen. Mit Hinblick auf das Etmal und das Segel entscheide ich mich für die zweite Variante.
Zur Belohnung gibt es dann ein Zigarillo, Kaltgetränk oder vergaerten Zucker. Dermassen gestaerkt vergeht die Wartezeit bis zur Abloesung schon ertraeglicher. Irgendwann ertoent von unten dann ein Piiep-Piiep-Piiep und wenig spaeter liege ich wieder in der Koje.
Bis demnaechst,
Nous / Uwe